Freitag, 7. Mai 2021

Kleine Geschichten aus dem Altersheim

Gestern bin ich zu meiner Clownfreundin in den Thurgau gefahren. Meine Freundin geht dort regelmässig in ein Altersheim und ich begleite sie schon seit Jahren drei bis vier Mal im Jahr. Wegen Corona war mein letzter Besuch im August letzten Jahres. Meine Lieblingsfrau ist gestorben. Obwohl unser Kontakte nie lange waren, hatten sie eine besondere Innigkeit. Sie wird mir als verschmitzte, liebevoll Frau in Erinnerung bleiben. Die Frauen, die mich schon kannten, haben mich freudestrahlend begrüsst, was mich sehr gefreut hat. Dann gab es auch viele neue BewohnerInnen. Es hat sich da ein Gruppe von gut gelaunten Frauen gefunden, die unsere Spässe noch zu toppen wussten. So wurde ein Gänseblümchen im Mund einer Frau durch die Spucke am Leben gehalten. Eine andere erwiderte auf den Spruch meiner Freundin, eine Frau hätte statt einer neuen Linse eine Linzertorte ins Auge operiert bekommen, dass diese Torten im Dorfladen halt gerade Aktion sind. Mir erzählte eine Frau, dass man am Muttertag eine Himmelleiter suchen muss und wenn man sie gefunden habe, müsse man mit einem Blumenstrauss ganz alleine in den Himmel steigen und der Mutter den Blumenstrauss geben. Man dürfe aber nur Guten Tag und Auf Wiedersehen sagen und gleich wieder gehen. Dann schliesst sich der Himmel wieder. Da war aber auch der alte Bauer, der geweint hatte, weil er sich nicht mehr um seine Kühe kümmern könne. Da kann man dann nur ein Taschentuch holen und sagen,dass das traurig ist und dass es gut ist, wenn man weinen kann. Manchmal wird es dann leichter. Meine Freundin und ich waren völlig beglückt, wie jeder Mensch, im Rahmen seiner Möglichkeit, auf uns reagiert hat. Ich war jetzt in den letzten zwei Wochen in vier verschiedenen Heimen und ich empfinde das Verhalten der Menschen wieder so, wie vor Corona und das finde ich wirklich sehr schön.

Samstag, 1. Mai 2021

Von Tüten und und Fremdsprachen

Gestern sind meine Clownpartnerin und ich ohne Thema, aber mit vielen unterschiedlichen Tüten, auf Clownbesuch ins Altersheim gegangen. Tüten laden zum spielerischen Tun ein. Für eine alte Frau, deren Gegenwart aus ihrer Zeit als Mutter besteht, wurden zwei Brottüten zu ihren Kindern. Sie hat sich mit ihnen unterhalten, hat mit ihnen gelacht, hat sie ermahnt und ihnen auch mal einen Klaps geben. Ich habe die Papiertüten etwas animierte und sprachlich das, was sie gesagt hat, einfach bestärkend wiederholt. Es war für mich sehr faszinierend, an diesem lebhaften Geschehen teilzuhaben und zu sehen, wie glücklich die Frau in diesem Moment war.
Als Privatperson gehe ich Menschen, die mir signalisieren, dass sie an mir nicht interessiert sind, aus dem Weg. Als Clownin ist das anders. Eine Frau, die sehr abweisend auf mich gewirkt hat, habe ich angesprochen und gesagt, dass mir ihr Mundharmonikaspiel beim letzten Besuch sehr gefallen hat. Sie fängt an zu strahlen und bedankt sich. Wir haben in der Ausbildung eigentlich gelernt, Menschen, die wir noch nicht so gut kennen, möglichst keine Fragen zu stellen, weil es sie verwirren könnte,wenn sie keine Antwort wüssten. Aus einem Impuls heraus, habe ich die Frau gefragt, ob sie traurig sei. Sie schaut mich ganz erstaunt an und sagt: Nein, sie freue sich, es bringt ja nichts traurig zu sein. Ich war schon sehr verblüfft, wie falsch ich den Gemütszustand dieser Frau eingeschätzt habe. Im Grunde ist es oft so, als würden die alten Menschen eine Fremdsprache sprechen, die wir erst entschlüsseln müssen. Es ist schön, wenn das gelingt.

Mittwoch, 28. April 2021

Luise Schussel allein auf Besuch

 

 

In der Regel sind Besuchsclowns zu zweit unterwegs.

Als dann die Anfrage eines kleinen familiäre Altersheim mit 11 Bewohnerinnen kam, ob ich einmal zu ihnen kommen möchte, war ich etwas unsicher, ob ich das auch alleine kann.

Auf der anderen Seite war das eine schöne Chance, mich in so einer kleinen Gruppe als Clownin auszuprobieren.

Aber wer nicht, der wagt nicht gewinnt und darum war ich gestern im Spyrigarten in Hirzel auf der Suche nach der grossen Liebe.

Bei strahlend schönem Frühlingswetter hatte man die Frauen im Kreis auf der Terrasse, unter einem grossen Sonnenschirm, um mich herum gruppiert und der Besuch konnte beginnen.

Ich versuche eher wenig, dafür zum Thema passende Dinge, für meine Besuche mitzunehmen.Meine Konzentration soll auf die Menschen und nicht auf die Materialien sein.

Aber sie sind natürlich beim Hilfsmittel, um in den Kontakt zu kommen.

Um bildlich zu illustrieren, wie gross meine Liebe, die ich finden möchte, sein sollte, hatte ich ein Herz und einen Meterstab dabei.

Das Eichhörnchen hat am Schluss allen Frauen ein Filzherzchen überreicht.


 

 

Mein Clownschuhe entsprechend voll dem Clownklischee.

Aber ich liebe sie und die Geschichte, wie sie zu mir gekommen sind.

Ich war vor Jahren im Schwarzwald eine Woche Fastenwandern und habe dort eine ältere Frau kennen gelernt, die, wie es der Zufall so will, früher als Clownin unterwegs war.

Sie hat mich gefragt, ob ich ihre Schuhe gebrauchen könnte und ein weiterer Zufall wollte es, dass sie in Zürich lebt. So konnte ich sie persönlich abholen, weil ich ja auch in der Nähe von Zürich wohne.

Diese Schuhe sind ein Hingucker und natürlich immer wieder ein Gesprächsthema bei den alten Frauen.

Gestern war das besonders lustig.

Eine Frau hat mich gefragt, ob ich wisse, für was meine grossen Schuhe gut seien.

Nachdem ich verneint habe, hat sie gesagt, da könne man sehr gut hinein pisseln.

Ich habe geantwortet, das ist eine super Idee, dann tröpfelt es hinten heraus und ich finde an der Spur den Weg wieder zurück.

Genau dieser Dialog hat sich während der Stunde etwa fünf Mal wiederholt, ein richtiger running gag.


 Eine schon sehr demente Frau murmelt vor sich hin: Was soll ich machen, was soll ich machen?"

Ich nehme den Faden auf und sage: "Im Leben ist es wirklich eine der schwierigsten Fragen, was man im Leben machen soll."

Dann frage ich in die Runde, was man den machen könnte, wenn man nicht weiss, was man machen soll.

Die Antwort kam von einer fast hundertjährigen Frau: "Ganz einfach, sich freuen."

Alle haben sich über diese herzerwärmende Antwort  gefreut.

 


Ich interessiere mich auch für die Geschichte der alten Menschen.

So habe ich eine Frau, mit polnischen Vorname gefragt, wie sie zu ihrem besonderen Namen gekommen ist.

Sie hat mir dann erzählt, dass ihre Eltern ein Wirtshaus geführt hätten und dort ein polnisches Mädchen mit diesem Namen angestellt war. Den Eltern hätte der Name gefallen und so habe sie diesen Namen bekommen.

Ich habe gestaunt, dass es damals schon Menschen aus Polen gab, die in der Schweiz gearbeitet haben und die Pflegefachfrau, die zugehört hatte, war überrascht, da sie diese Geschichte aus dem Leben dieser Frau nicht gekannt hatte.

Es war für mich eine beglückende Stunde mit den 11 Frauen mit vielen schönen Begegnungen und das Schöne ist, ich darf wieder kommen.

Was mich besonders freut, weil dass Heim schon mal eine Versuch mit einer Clownin gemacht hat, die von den Frauen aber nicht akzeptiert wurde, weil sie zu laut gewesen zu sei.

Bei den Clowns ist es eben wie bei den Menschen, es gibt solche und solche.